The Guardian Digital-Chef Wolfgang Blau zu Print vs. Digital in Verlagen

Die Herausforderung Print und Digital unter einen Hut zu bringen beschäftigt derzeit viele Verlage.
Oft ist es eher eine Print vs. Digital Problematik, wie derzeit beim „Spiegel“ zu beobachten.
Dessen Print-Ressortleiter sowie Redakteure lehnen sich öffentlich gegen das vom Chefredakteur vorgestellte Digitalkonzept auf, der Spiegel 3.0 scheint in weiter Ferne.

Interessant ist nicht nur vor diesem Hintergrund ein Vortrag, den The Guardian Digital-Chef Wolfgang Blau zum Verhältnis von Online und Print zum Auftakt der Tagung des DJV „Besser Online“ 2014 in Berlin gehalten hat.
Am Rande sei erwähnt, dass der Guardian nicht nur eine der renommiertesten Print-Titel in Großbritannien ist, sondern vor allem der Online-Auftritt seiner Zeit voraus ist.

Ich möchte im Folgenden zusammenfassen, was ich persönlich aus dem Vortrag mitgenommen habe:

Das Silicon Valley ist nicht alles

Blaus Ansicht nach schaue man zu sehr in die USA, speziell ins Silicon Valley. Es sei einfach deutschen Verlagen zu wenig Mut zum Risiko vorzuwerfen.
Dabei ließe man außer Acht, dass die Strukturen hierzulande völlig andere sind:

  • Im Silicon Valley bekomme man weitaus leichter Risikokapital
  • Die USA haben einen weitaus größeren Binnenmarkt
  • Man kann leichter exportieren aufgrund der englischen Sprache

Das erscheint ziemlich einleuchtend. Inspirieren lassen kann man sich natürlich trotzdem, auch wenn man dort Gelerntes nicht 1:1 in Deutschland umsetzen kann.

Medienkonvergenz und ihre Herausforderung für den cross-medialen Journalismus

Print vs. Digital sei viel zu breit angesetzt, es müsse selbst innerhalb mobiler Leserschaften differenziert werden, welcher Content für welchen Nutzer optimal ist.
„Ist doch alles nur Journalismus“ greife nicht, unterschiedliche Devices brächten unterschiedliche Lesepräferenzen mit sich:
Ein Long Read (4k+ Wörter) zum Beispiel müsse für mobile Endgeräte, Desktop und Print verschieden konzipiert werden. Vor allem im Bereich der Personalisierung stehe man noch am Anfang.

Der 360° Leser sei eine Mär, von der man höchstens inkompetenten Media-Agenturen erzählen könne.
Hier muss ich anmerken, dass Herr Blau damit jenen Leser-Prototyp beschreibt, der alle Titel eines Verlags über alle Medien hinweg im Laufe seines Tagesverlaufs konsumiert.
Dieser Leser existiert in der Tat nicht, auch wenn einige Publisher ihr Portfolio bereits vermehrt in diese Richtung vermarkten. In etwa „Morgens ‚Die BILD‘ in der Printausgabe, in der Bahn die dazugehörige App, im Büro auf dem Desktop und abends auf dem Tablet.“ Das mag zwar vorkommen, ist aber erstens aufgrund der fragmentierten Medienlandschaft sehr unwahrscheinlich und ermöglicht zweitens (noch) nicht die Device-Übergreifende Personalisierung des Inhalts und der Werbeinhalte für diesen Leser.

Wie bringt man den nun Print und Digital Ressorts unter einen Hut?

Legte man Digital- und Print zusammen, so gewinne man kurzfristig an Qualität und Breite, werde aber auf Dauer langsamer und gehe weniger (technische) Experimente ein.
Im „schlimmsten“ Falle werde die Online-Leserschaft so alt wie die Print-Leserschaft. Blau zitierte an dieser Stelle „Spiegel“ Geschäftsführer Ove Saffe:

„Wir müssen unseren Journalismus analog, digital, online und mobil verschmelzen und austarieren.“

Das klinge natürlich gut, jedoch sei es letztendlich nicht mehr als eine Fantasie, welche letztendlich in einer print-gesteuerten Strategie enden würde.
Man muss sich entscheiden, was letztendlich das Champion-Medium sein soll.

Milk it, Farm it or Feed it

Alan D. Mutter, ein erfahrener Silicon Valley Consultant unterscheidet drei Verlagsstrategien im Umgang mit Print vs. Digital:

  • Milk it: Print hat keine Zukunft, es wird hier nicht mehr investiert.
  • Farm it: Print hat mehr Zukunft als man glaubt. Investitionen in Digital werden nur getätigt, wenn sie dem Gesamtunternehmen nutzen.
  • Feed it: Mittel- und langfristige Investitionen in Digital im Glauben, dass hier die Zukunft liegt.

Die meisten deutschen Verlage fahren wohl die „Farm it“ Strategie, während z.B. die WELT, ähnlich wie buzzfeed und co, verstärkt in Digital investiert und somit der „Feed it“ Strategie zuzuordnen wäre.

Europa als Chance

In Russland und China werde momentan überlegt,  TV komplett abzusägen und komplett ins Netz zu verlagern.
Titel wie die Daily Mail beschäftigen große Entwicklungsabteilungen. Sobald z.B. Handyhersteller neue Modelle vorstellen, führt man direkt Gespräche, um seine App dort zu integrieren – ebnso mit den großen App-Stores.

Hier hinkt Deutschland definitiv hinterher.

Wenn man sich zusätzlich überlegt, dass Buzzfeed, HuffPo und Vice bereits in mehreren europäischen Ländern vertreten sind, müsse man sich fragen, ob es tatsächlich Amerikaner brauche, um eine europäische Öffentlichkeit zu organisieren. So ist VICE beispielsweise bereits in 12 (!) europäischen Ländern unterwegs.

Was spräche dagegen als deutscher Verlag den europäischen Markt ebenfalls in dieser Art und Weise zu nutzen?

 

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